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Mein Weg als Therapeutin und Beraterin zum Toilettentraining bei Kindern mit Behinderung


Als ich das erste Mal ein non-verbales Kind mit Autismus-Spektrum-Störung, herausforderndem Verhalten und motorischer Entwicklungsverzögerung durch das Toilettentraining begleiten sollte bzw. wollte, war ich – ganz ehrlich – völlig überfordert. Ich hatte keine fertige Anleitung in der Schublade, keine Schritt-für-Schritt-Checkliste, auf die ich zurückgreifen konnte. Und je mehr ich suchte, desto klarer wurde mir: Es gibt einfach nichts. Keine praxisnahen Tipps, keine gezielten Infos zum Toilettentraining bei Kindern mit Behinderung.


Anfangs fühlte sich das an wie ein riesiger, unüberschaubarer Berg. Aber dieser Mangel an Unterstützung hat mich nicht entmutigt – im Gegenteil: Er hat in mir den Ehrgeiz geweckt, selbst Antworten zu finden.


Der Anfang mit Leo

Das erste Kind, das ich begleitet habe – ich nenne ihn hier Leo – wurde schnell zu meinem „Lehrmeister“. Wir haben gemeinsam ausprobiert, verworfen, neu angefangen. Meine damals noch Studentenwohnung hat in der Zeit so oft nach Pipi gerochen, ihr könnt's euch vielleicht vorstellen, und die Wäscheberge waren so hoch, dass ich das Gefühl hatte, ich komme nicht mehr hinterher.


Aber: Die kleinen Erfolge waren unbezahlbar. Dieses Strahlen in Leos Gesicht, wenn etwas geklappt hat – und mein eigenes Strahlen, weil wir es zusammen geschafft hatten – das hat mich echt motiviert. Es war nicht nur Training. Es war gemeinsames Wachsen. Und es hat uns verbunden. Nicht nur Leo und mich, sondern auch seine Eltern und Leo.


Vom Einzelprojekt zum Herzensprojekt


Nach Leo kamen schnell weitere Familien auf mich zu. Und als ich das 6. Kind begleitet hatte, habe ich mir gedacht:

Das hier ist nicht einfach nur ein Arbeitsschwerpunkt oder kleines Herzensprojekt. Das hier ist eine echte Lücke – und eine große Chance für Kinder mit Behinderung an Selbstbestimmugn zu gewinnen.

Mir wurde klar, wie oft Eltern mit Kindern mit Behinderung auf sich allein gestellt sind, besonders bei Themen, die nicht als „medizinisch dringend“ gelten.Und wie wichtig es ist, dass es Menschen gibt, die genau hier unterstützen.


Warum ich geforscht habe zum Toilettentraining bei Kindern mit Behinderung


Mich hat ehrlich erschüttert, dass es zu einem so alltäglichen und gleichzeitig bedeutsamen Thema wie dem Toilettentraining keinerlei fundierte, spezifische Informationen gab. Also habe ich angefangen zu lesen, zu recherchieren, zu vergleichen, zu hinterfragen – und parallel weiter Familien zu begleiten.

Vor vier Jahren habe ich mich schließlich offiziell nebenberuflich auf das Toilettentraining für Kinder mit Behinderung spezialisiert. Das Ergebnis meiner Arbeit ist das EITT Konzept © (Empowered Independence Toilet Training) – ein Ansatz, der praxisnah, evidenzbasiert und individuell anpassbar ist.


Heute – EITT © in Aktion

Heute kann ich sagen:

  • Ich habe über 19 Toilettentrainings persönlich begleitet.

  • Mehr als 352 Familien habe ich digital unterstützt.

  • In Seminaren für Fachkräfte und Eltern gebe ich mein Wissen weiter.

Und jedes Mal spüre ich: Es geht um viel mehr als Windeln oder Toiletten. Es geht um Selbstbestimmung. Es geht um Selbstvertrauen – bei Eltern und bei Kindern. Und darum, ihnen einen weiteren Baustein für mehr Teilhabe zu geben.


Elisa Perez-Yalniz Expertin für Toilettentraining bei Kindern mit Behinderung

Mein persönliches Fazit nach sechs Jahren

Wenn ich zurückblicke, war dieser Weg wirklich nicht geplant. Ich bin reingestolpert – mit einem leichten Gefühl von Panik und sehr viel Waschpulver. Aber aus diesem Stolpern ist eins meiner größten Herzensprojekte (denn ja, ich habe einige Herzensprojekte ha ha) geworden.

Heute weiß ich: Das Toilettentraining ist kein „kleines Alltagsthema“. Es ist ein Prozess, der Lebensqualität verändern kann – und genau deshalb gehört er ins Zentrum, nicht an den Rand.


Natürlich gab es in den letzten Jahren mehr als einen Moment, in dem ich total frustriert war. Entweder weil ich völlig entnervt mitten in der Nacht den 2304. Versuch einer Videoaufnahme für das online Programm aufnehmen musste, oder weil veraltete Konzepte in Schulen und falscher Stolz das Toilettentraining eines Kindes behidnert haben. Aber auch, weil es einfach viel war. Aus dem eigentlich kleinen, sehr individuellen Leo-Projekt, ist etwas ziemlich großes geworden. Versteht mich nicht falsch, ich bin super dankbar dafür, dennoch war es neben meinem Hauptjob, meinem Nebenjob und dem gemeinnützigen Verein einfach viel. Und natürlich ist man dann manchmal müde und demotiviert. Hinzukommen die Entwicklungen im Gesundheitswesen, Krankenkassenkämpfe, mangelnde Inklusion, uvm. All das, was den Alltag von Eltern behinderter Kinder ausmacht, spielt natürlich auch dabei eine Rolle. Aber ich glaube, diese Phasen sind ganz normal, wenn man sich über Jahre hinweg so intensiv mit einem Thema beschäftigt. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und dann hat man aber wieder eine Familienbegleitung und denkt sich ahja ich weiß schon, warum ich das mache.


In den vergangenen sechs Jahren habe ich gelernt, dass Selbstbestimmung und Selbstständigkeit ebenso wie Teilhabe etwas ist, das wir oft für selbstverständlich nehmen. Dass uns manchmal gar nicht bewusst ist, wie viel hinter Dingen, Abläufen und Möglichkeiten steckt. Wie schwer es ist rechtzeitig zu merken, dass man Pipi muss. Aber genauso, wie schwer es unser System Menschen (und Kidnern) macht, die nicht in das System passen. Dass wir im ALltag Kidnern viel abverlangen und das Tempo unserer Gesellschaft ganz schön heftig ist. Dass von Kindern mit Behinderung einerseits erwartet wird innerhalb von zwei Wochen trocken zu werden, andererseits ihnen kein bisschen zugetraut wird, dass sie trocken werden können. Was für ein Paradox.


Deine Elisa

ree

 
 
 

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